Galiziertreffen in Ostrau am 12. September 2009

 

Seit 1997 treffen sich in Ostrau bei Halle die ehemaligen Galiziendeutschen, die seit dem Krieg im Ergebnis von Umsiedlung und Flucht im Gebiet nördlich von Halle leben. Sie stammen fast alle aus wenigen deutschen katholischen Orten im Umkreis von Lemberg und waren von Anfang an durch vielfältige, vor allem verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verbunden. An einem zentralen Punkt ihrer neuen Heimat, in Ostrau, entstand eine neue katholische Gemeinde, die sich 1965 eine eigene kleine Kirche erbaute. In dieser Kirche fand nun, wie schon seit Jahren, der Gottesdienst zur Eröffnung des Galiziertreffens statt. Diesmal war aber in dieser Kirche ein besonderer Bezug zur alten Heimat zu erkennen. Im Kirchenraum hängt jetzt eine Gedenktafel als Kopie einer Tafel, die vor einem Jahr in der Kirche von Wiesenberg in Galizien aufgehängt worden war. Auf dieser Tafel wird den Bewohnern von Wiesenberg gedankt, dass sie die ehemalige deutsche Kirche St. Michael als griechisch-katholische Kirche schöner als vorher wieder aufgebaut haben. Ein Zusatztext stellt den Bezug zu Ostrau in Sachsen-Anhalt her, denn die Erbauer der katholischen Kirche zu DDR-Zeiten waren zum Teil ehemalige Wiesenberger, die den Namenspatron St. Michael auch für Ostrau auswählten. In seiner Ansprache würdigte Pfarrer Gaden diese Tafel als Geste der Völkerverständigung und er verwies auf das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Völker Galiziens seit Österreichs Zeiten als Vorbild für die aktuellen Bemühungen, ein einheitliches Europa aufzubauen. 

Zu Gesprächen und Vorträgen traf man sich dann im Landgasthaus Ostrau mit der Besonderheit, dass aus Magdeburg, wo über das Wochenende die Vertrauensleute des Hilfskomitees tagten, ein Bus mit Galiziendeutschen hinzu kam, die sehr neugierig auf die Begegnung mit den „Ostdeutschen“ Galiziendeutschen waren. Denn das Hilfskomitee der Galiziendeutschen hat im Westen Deutschlands jahrzehntelang eine erfolgreiche Arbeit zur Bewahrung und Dokumentierung der Kultur Galiziens leisten können, während man im Osten lange Zeit eine negative und falsche Berichterstattung zum Thema Umsiedlung und Flucht ertragen musste.

Einschließlich der Gäste vom Hilfskomitee waren schließlich etwa 120 Teilnehmer im Saal versammelt. Es wurden zunächst Worte der Begrüßung ausgetauscht, indem Herr Eugen Dreher die Gäste willkommen hieß und daran erinnerte, dass schon seit Jahren Vertreter des Hilfskomitees an den Ostrauer Treffen beteiligt waren und auch mehrere Gastvorträge durch Vertreter des Hilfskomitees gehalten wurden.

Herr Horst Vocht  als stellvertretender Vorsitzender begrüßte die Versammlung im Namen des Hilfskomitees der Galiziendeutschen und übermittelte die Grüße des erkrankten Vorsitzenden Oskar Wolf, sowie von Rudolf Mohr, dessen Verdienste für die Organisation von Reisen der so genannten Multiplikatoren und von Schulklassen aus der Ukraine nach Deutschland gewürdigt wurden. Diese Kontakte zur Ukraine werden ganz aktuell fortgeführt, indem Ende September 2009 ein Bus mit mehr als 40 Teilnehmern aus Deutschland unter Leitung von Horst Vocht und Sieglinde Hexel  mehrere bekannte Orte in Galizien besuchen wird.

Danach erinnerte Prof. Erich Müller an die Umsiedlung der Galiziendeutschen Anfang 1940, die vor nunmehr 70 Jahren stattfand. Er zitierte Tagebuchaufzeichnungen von Dr. Hans Koch, die unter Anderem das Schicksal der Wiesenberger betrafen. Deren Treck war Mitte Januar 1940 bei Frost und Schneetreiben von Kulikow über Kaltwasser und Grodek nach Przemysl unterwegs und wurde durch die sowjetischen Kontrollen immer wieder am Fortkommen gehindert.

Herr Werner Kraus hatte wie jedes Jahr Informationsmaterial über Galizien mit der Möglichkeit der Bestellung ausgelegt. Er verwies in seinen Ausführungen auf die Notwendigkeit, in den Familien die schriftlichen Zeugnisse der eigenen Geschichte zu sammeln. In mehreren der ausgestellten Hefte sind Erlebnisberichte der Menschen aus den Orten Wiesenberg, Bruckenthal, Weissenberg usw. aus der Zeit vor 70 Jahren zu finden. Darunter war auch ein ganz aktueller Beitrag vom August 2009 von Frau Cecilia Scheller aus Hamburg, die mit ungewöhnlich vielen Hintergrundinformationen die Geschichte ihrer Familie in dem Bericht „Verlorene Heimat- Bruckenthal/Galizien“ beschreibt.

Auch Veröffentlichungen zur Genealogie der Galiziendeutschen wurden vorgestellt. Das sind Computerausdrucke von Ergebnissen der Familienforschung, ermittelt aus den Kirchenbüchern der betreffenden Orte in Galizien und aus den Kirchenbüchern einiger Orte der Pfalz.

Ein wichtiger Komplex der angebotenen Literatur berücksichtigt die Tatsache, dass viele Galiziendeutsche,  die nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten Deutschlands leben mussten, jahrzehntelang keine Möglichkeit hatten, sich über die Geschichte ihrer Volksgruppe zu informieren. Zu der im westlichen Teil Deutschlands erschienenen umfangreichen Literatur zu Galizien hatten sie keinen Zugang. Deshalb wurden thematisch ausgewählte Beiträge aus der vielfältigen Literatur über Galizien in Heften zusammengefasst um sie auch den Galiziendeutschen in Ostdeutschland endlich zugänglich zu machen. Diese Berichte sind auch als Vorbild zu verstehen, eigene Erlebnisse niederzuschreiben um möglichst viele Details der Geschichte Galiziens für die Nachwelt zu bewahren.

Als Ergänzung dazu nahm Herr Dr. Christofer Zöckler als Schriftleiter der Monatszeitschrift „Das Heilige Band“ die Gelegenheit war, dafür zu werben, die selbst erlebten, oder durch Tradition in der Familie bekannten Ereignisse niederzuschreiben und zur Veröffentlichung an das Heilige Band zu schicken.

Beim anschließenden Kaffeetrinken mit Musikbegleitung erwies sich das Galiziertreffen in Ostrau auch als ein Familientreffen, wo man, teilweise noch auf „schwäbisch“, von alten Zeiten und von neuen Problemen reden kann. Neue Probleme waren durchaus zu erkennen, weil Krankheit und Alter der Verantwortlichen die Organisation und Vorbereitung des diesjährigen Treffens bereits behindert haben und für nächstes Jahr ein reduzierter Aufwand für die Vorbereitung des Treffens angekündigt wurde.

Auf besorgte Fragen, ob es im nächsten Jahr wieder ein Galiziertreffen geben wird, wurde am Schluss dennoch verkündet, dass im Landgasthaus Ostrau das nächste Galiziertreffen für den 25. September 2010 vorgemerkt wurde.

 

Als Nachwirkung der Veranstaltung in Ostrau wird sich hoffentlich erweisen, dass aus den Galiziendeutschen im Osten Deutschlands und dem Hilfskomitee „aus dem Westen“ eine einheitliche galiziendeutsche Gemeinschaft gewachsen ist.

Für die Begleichung der Unkosten wurden 325 Euro gesammelt, wovon 100 Euro als Spende für die Arbeit des Hilfskomitees überwiesen werden.

 

Dieser Bericht wurde in der Monatszeitschrift des Hilfskomitees der Galiziendeutschen „Das Heilige Band“ im Oktober 2009 mit Bildern veröffentlicht.