Galiziertreffen 2011 in Ostrau

 

Bei Festlegung des Termins vor einem Jahr war nicht abzusehen, dass das Galiziertreffen am 24.09.2011 in Ostrau in Konkurrenz treten könnte mit dem Besuch des Papstes in Deutschland. Um so größer war die Überraschung, als mehr Teilnehmer als vor einem Jahr zu dem Treffen erschienen. Es mussten noch Tische und Stühle herbeigeschafft werden, damit mehr als 80 Personen ihren Platz finden konnten. Der Papstbesuch war Anlass zu der Feststellung, dass wir Galiziendeutsche nacheinander zwei Päpste erleben konnten, die wir als unsere Landsleute bezeichnen können. Der Papst aus Polen kam aus Galizien und der jetzige Papst ist Deutscher. Um die traditionellen Werte unserer katholischen Dörfer nördlich und westlich von Lemberg zu bekräftigen, war das Treffen wie jedes Jahr mit einem Gottesdienst eröffnet worden. Pfarrer Gaden erwies sich auch diesmal als Kenner der Geschichte Galiziens und der Habsburger Monarchie und ermutigte die Gemeinde, ihre Treffen in der bisherigen Weise fortzuführen.

Im Landgasthaus Ostrau wurden die Gäste von Eugen Dreher herzlich begrüßt. Sein Grußwort galt besonders denjenigen, die das Treffen zum ersten Mal besuchten, darunter auch Besucher aus Holland. Werner Kraus erinnerte zunächst daran, dass einer von vielen Flüchtlingstrecks am Ende des Zweiten Weltkrieges am 18. Februar 1945 völlig erschöpft im Gebiet der Gemeinde Ostrau in Sachsen-Anhalt ankam, gefolgt von weiteren ähnlichen Trecks. Es waren Flüchtlinge aus dem Kreis Kalisch in Polen, die aber ursprünglich aus benachbarten Orten in Galizien stammten. Das ist der Grund, warum es im Gebiet um Ostrau bei Halle bis heute noch viele Nachkommen der Galiziendeutschen gibt und warum seit 1997 auch in Ostrau Galiziertreffen stattfinden.

Ein Wort des Gedenkens galt dem verehrten Pfarrer Weber, der am 5. April 2011 in Bad Schmiedeberg verstorben war. Er feierte noch am 11. März vergangenen Jahres im Pflegeheim seinen 95. Geburtstag mit Vertretern der Gemeinden, die er im Laufe seines langen Lebens betreut hatte und mit seinen Landsleuten, den Bu­chenländern. Die Älteren der in Ostrau anwesenden hatten noch die Ehre, zu seiner Gemeinde im Warthegau gehört zu haben, die er als junger Priester betreut hatte. Das Besondere an dem Lebenswerk von Pfarrer Weber ist, dass er diese Gemeinde auch nach dem Krieg nicht aus den Augen verloren hat. Bis zu unserem 7. Ostrauer Treffen im Jahre 2005 hat Pfarrer Weber den Eröffnungsgottesdienst gehalten und dann im Saal Geschichten aus seinem bewegten Leben erzählt. In Anerkennung seines aufopferungsvollen und verdienstvollen Lebenswerkes wurde ihm am 15. Juni 2010 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Auch zum Beginn des Berichtes über die Situation des Hilfskomitees galt ein Wort des Gedenkens dem verstorbenen Vorsitzenden Oskar Wolf. Nach seinem plötzlichen Tod am 09.11.2010 musste auf einer Sondersitzung der Vertrauensleute in Berlin ein neuer Vorsitzender gewählt werden. Der neue Vorsitzende Horst Vocht ist in Duisburg zu Hause und gehört zu der Generation, die im Warthegau geboren ist. Mit dem Hinweis auf die Diskussionen innerhalb der Vertrauensleute zu den Fragen, wie es mit dem Hilfskomitee weitergehen soll, gab Herr Kraus folgende Einschätzung:

„Die Angehörigen der so genannten Erlebnisgeneration, die über 80-jährigen, ziehen sich aus der aktiven Tätigkeit zurück. Jüngere Nachkommen der Galiziendeutschen sind nur ausnahmsweise für die Heimat Galizien zu begeistern, aber es gibt sie. Der jüngste Vertrauensmann im Hilfskomittee ist Mitte 40 und es gibt Ansätze für eine Neuorientierung des Hilfskomitees auf die jüngere Generation mit Hilfe des Internets. Bisher gab es schon Internetseiten über Galizien, die auf bestimmte Orte spezialisiert waren, zum Beispiel über Bruckenthal, Königsau, Gelsendorf und nicht zuletzt die Seite über die katholischen Dörfer mit Schwerpunkt Wiesenberg. Nun gibt es unter der Adresse www.galizien-deutsche.de eine Seite des Hilfskomitees der Galiziendeutschen, die von Fachleuten professionell gestaltetet wurde und die wichtigsten Seiten auch in Englisch anbietet.

Junge Menschen suchen heute weltweit im Internet Kontakte zu Gleichgesinnten - oder auch zu Andersdenkenden, um etwas Neues kennen zulernen. Inzwischen gibt es durch den Einfluss des Internets und durch die unbegrenzten Reisemöglichkeiten Tendenzen in der Jugend zu einer multikulturellen Gesellschaft beliebiger Art mit Verzicht auf eigenständige kulturelle Werte. Das birgt die Gefahr in sich, auf eine neue Art heimatlos zu werden, verbunden mit dem Gefühl, gleichzeitig überall und nirgends zu Hause zu sein. Die Beschäftigung mit den Wurzeln der eigenen Person kann in dieser Situation Halt und Orientierung bieten und vielleicht auch ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den vorangegangenen Generationen vermitteln. Die Geschichte Galiziens und die Geschichte der Habsburger Monarchie kann die heutige Generation lehren, wie Völker unterschiedlicher Sprache und unterschiedlicher Religion auf engem Raum friedlich miteinander leben können. Für junge Menschen ist das Internet schon heute ein Mittel zur Völkerverständigung geworden. Es könnte auch ein Weg sein für persönliche Kontakte zu Menschen in Osteuropa“.  

Dann wurde die kritische finanzielle Situation des Hilfskomitees behandelt und begründet, warum der Bezugspreis für das Heilige Band von bisher 15.- € auf 20.- € pro Jahr erhöht werden muss. Es wurde an die Teilnehmer appelliert, wenigstens die Monatsschrift „Das Heilige Band“ als verbindendes Element unserer Volksgruppe zu erhalten. Um seine Arbeit fortführen zu können, braucht das Hilfskomitee reichliche Spenden und neue Mitglieder. Aber es braucht nicht nur zahlende Mitglieder, sondern auch aktive Mitarbeiter, die Aufgaben übernehmen können.

Aus der Arbeit des Hilfskomitees war noch mehr zu berichten: Der Zeitweiser der Galiziendeutschen erscheint am Jahresende vorläufig zum letzten Mal. Fast 20 Jahre lang war Prof. Erich Müller aus Berlin für das Jahrbuch verantwortlich und hat eine großartige Arbeit geleistet. Nun scheint ein gewisser Abschluss erreicht zu sein. Prof. Müller möchte aus Altersgründen und aus familiären Gründen seine Arbeit als Kulturreferent beenden. Als Nachfolger im Amt des Kulturreferenten wurde Artur Bachmann aus Berlin gewählt, ein Nachfahre aus Brigidau in Galizien. Er wird sich zunächst auf die Durchführung der Kulturtagung konzentrieren, die für das Wochenende vom 04. bis 06. Mai 2012 in Lambrecht in der Pfalz geplant ist.

Dankbar wurde registriert, dass durch die Übergabe des galiziendeutschen Heimatarchivs an die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne nun endlich eine wissenschaftliche Aufarbeitung unseres Archivbestandes möglich ist. Zu den günstigen Bedingungen der Eigentumsübertragung zählen auch besondere Rechte für die Galiziendeutschen, die dieses Archiv nutzen wollen.

Der zweite Teil der Ausführungen von Herrn Kraus galt den Bemühungen, mit Hilfe eines speziellen Literaturangebotes die Erinnerung an die Heimat Galizien wach zu halten. Die Bücherliste des Hilfskomitees der Galiziendeutschen allein genügt schon, um mit diesem Angebot an Büchern einen ganzen Winter hinter dem Ofen zu verbringen. Aber auch über die katholischen Dörfer nördlich und westlich von Lemberg gibt es Veröffentlichungen. Das sind Hefte, die im Selbstverlag durch Kopieren im Copyshop hergestellt wurden. Die Liste dieser Veröffentlichungen umfasste wie im vorigen Jahr 30 Titel. Auch Neuheiten waren dazugekommen, allerdings auf Kosten anderer älterer Veröffentlichungen.

Zur Ansicht ausgelegt waren auch Schriften, die von anderen Orten in Galizien handeln, zum Beispiel von Brigidau, Reichau und Machliniec. Ebenso eine Bildersammlung aus dem Kalender des „Bundes der christlichen Deutschen in Galizien“ aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, zusammengestellt von Herrn Konrad aus Stuttgart.

Immer noch ist es ein wichtiges Anliegen von Herrn Kraus, der systematischen Geschichtsfälschung im Osten Deutschlands durch solche ausgewählte Veröffentlichungen entgegen zu wirken, die früher den Menschen dieser Region nicht zugänglich waren. Dazu gab er eine ausführliche Begründung:

„Von einer Geschichtsfälschung bedroht waren besonders die vielen Millionen Vertriebenen in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. In einem Teil Deutschlands, in der DDR, durften sie nur als ‚Umsiedler’ bezeichnet werden und wurden - und werden noch immer - als Revanchisten verdächtigt. Diese Vorbehalte zeigten sich ganz aktuell, als in der Mitteldeutschen Zeitung am Tag vorher der Hinweis auf das Galiziertreffen erschien. Die Stelle, wo der Text ursprünglich lauten sollte ‚… sie wollen sich an das schwere Schicksal ihrer Eltern und Großeltern erinnern’ wurde ersetzt durch die nichts sagende Formulierung: ‚… sie wollen Erfahrungen austauschen’. Dabei sind es in der Mehrzahl Vertriebene und deren Nachkommen, die persönliche Kontakte zu Menschen in Osteuropa pflegen und einen Beitrag zur Versöhnung dort leisten, wo es am nötigsten und am schwierigsten ist“.

Die Zeit zwischen Mittagessen und Kaffeetrinken wurde vor Allem für Gespräche genutzt. „Wir haben jedes Jahr in Ostrau unser Familientreffen“ bedankte sich eine Besucherin. Aus dem Sammlungsergebnis von 260.- € wurden nach Abzug der Unkosten 200.- € als Spende für das Hilfskomitee bestimmt.

Abschließend wurde darauf eingegangen, wie es mit den galiziendeutschen Treffen weitergehen soll. Auf dem Galiziertreffen in Magdeburg war von Herrn Hönig aus Wolfsburg der Vorschlag unterbreitet worden, im nächsten Jahr ein gesamtdeutsches Galiziertreffen in Wolfsburg zu veranstalten. Vom Hilfskomitee wurde ein solches Treffen für 2013 in Aussicht gestellt. Gesamtdeutsches Galiziertreffen würde bedeuten, dass auch die Teilnehmer anderer regionaler Treffen eingeladen sind. Das betrifft die Königsauer, Machliniecer, Gelsendorfer und natürlich auch die katholischen Dörfer des Ostrauer Treffens.

In diesem Zusammenhang befürwortete Herr Kraus ein Galiziertreffen, das an einem Tag stattfindet, sodass man aus einem Umkreis von etwa 200 km am gleichen Tag hin und zurück fahren kann. Das wäre ideal für die Galiziendeutschen im Raum Wolfsburg. Aber auch Halle, bzw. Ostrau sind weniger als 200 km von Wolfsburg entfernt. Das gilt auch für Hamburg und Potsdam bei Berlin. Das Galiziertreffen in Ostrau, so scheint es, wird davon unbeeinflusst weiter stattfinden. Das nächste Treffen in Ostrau wurde auf den 29.09.2012 festgelegt. Im Übrigen wird ein großes Galiziertreffen mit Sicherheit im „Heilige Band“ angekündigt.