Vom 14.05.-16.05.2010 fand in Lambrecht (Pfalz) die
Kulturtagung des Hilfskomitees der Galiziendeutschen mit über 60 Teilnehmern
statt. In der angenehmen Atmosphäre der Pfalzakademie wurden interessante
Vorträge über die Geschichte Galiziens und über die aktuelle Situation in der
heutigen Ukraine geboten. Darüber hinaus galt ein Nachmittag der Besichtigung
der benachbarten Stadt Neustadt an der Weinstraße. Den Termin für die nächste
Kulturtagung vom 6. bis 8. Mai
Kurzer Überblick über die Vorträge der
Kulturtagung des
Hilfskomitees der Galiziendeutschen
vom 14.05.-16.05.2010 in
Lambrecht (Pfalz)
Die Vorträge werden
im Zeitweiser der Galiziendeutschen 2011 veröffentlicht.
Als Beispiel: Vortrag von W. Kraus:
Auswanderer aus der Pfalz im 18. Jahrhundert
Werner Kraus, Vortrag zur
Kulturtagung der Galiziendeutschen am 15.05.2010 in Lambrecht/Pfalz
„Fürwahr, es ist ein groß Ergetzen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen …“. Dieses Zitat aus Goethes Faust lässt sich auch auf die Situation der Pfalz vor mehr als zweihundert Jahren anwenden, wenn wir uns die Originaldokumente jener Zeit anschauen. Viele Menschen standen damals vor der Frage: wandere ich aus oder bleibe ich im Lande? Die Werbeschriften und Briefe mit der Thematik Galizien, die am Ende es 18. Jahrhunderts von den Werbern des Kaisers in der Pfalz verbreitet wurden, geben uns einen Eindruck vom Geist jener Zeit.
Wenn wir heute diese Dokumente lesen, dann sollten wir uns fragen – wie hätten wir uns in einer solchen Situation entschieden? – Diese Frage ist berechtigt, denn sie betrifft das Schicksal von Menschen, die wahrscheinlich unsere Vorfahren und Verwandten waren. Mit Recht fragen wir uns heute: Warum verließen sie die schöne Pfalz? –
Diese spontane Fragestellung ist ein Ergebnis unserer heutigen Vorstellungen und Kenntnisse von der Pfalz. Wir sehen die Pfalz als ein sonnenverwöhntes Land, in dem ein guter Wein gedeiht und auch gern getrunken wird. In der Tat gibt es über die Pfalz von heute viel Gutes zu sagen. Andererseits befand sich am Ende des 18. Jahrhunderts die Pfalz in einem so hoffnungslosen Zustand, dass junge Leute ihre Zukunft in fernen Ländern suchen mussten. Viele Pfälzer wanderten damals nach Amerika aus. Einige Tausend ließen sich von den Werbern des Kaisers in Wien überzeugen und nahmen den Weg in den Osten Europas, wo nach der Teilung Polens in drei Teile das Kronland „Galizien und Lodomerien“ besiedelt werden sollte. Aber diesen Werbeversprechen standen schon bald Briefe und Berichte aus Galizien entgegen, die über katastrophale Zustände in den Siedlungsgebieten des Ostens berichteten. Die Auswanderer nach Galizien waren also nicht nur durch die Sprüche der Werber einseitig informiert, sondern sie kannten auch die Probleme, die auf sie zukamen - und dennoch wählten sie die Fahrt ins Ungewisse.
Am Beispiel Galizien wollen wir herausfinden, ob sich der weite Weg von der Pfalz in den Osten Europas für die ersten Ansiedler wirklich gelohnt hat. Wir wollen uns informieren über die Ausgangssituation in der Pfalz, die Anforderungen der weiten Reise und über die Zustände in Galizien. Dabei wird es sich zeigen, dass nicht die erste Generation der Ansiedler, sondern erst ihre Kinder und Kindeskinder ein Leben in einer halbwegs gesicherten Existenz führen konnten. Diese für Auswanderer typische Erfahrung wurde in Galizien in einem Spruch formuliert, der über viele Generationen weitergegeben wurde:
„Die ersten fanden den Tod, die zweiten litten Not, erst die dritten
hatten Brot“
Fast 160 Jahre bestanden die deutschen Dörfer in Galizien, das heißt, es lebten mindestens sechs Generationen dort als deutsche Minderheit unter Ukrainern und Polen. In dieser Zeit bewahrten die Deutschen zwar ihren pfälzischen Dialekt, den sie selber als schwäbisch bezeichneten, aber die Erinnerung an das Land ihrer Herkunft war fast völlig verloren gegangen. Beginnen wir also am Ausgangspunkt der Auswanderung nach Galizien vor nunmehr fast 230 Jahren und fragen - was ist das Besondere an der Pfalz?
Die südliche Hälfte des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz ist etwa das Gebiet, aus dem der größte Anteil der Auswanderer nach Galizien stammt. Zu diesem Auswanderungsgebiet gehören auch das angrenzende Saarland und benachbarte Teile des Elsass, die wir in diesem Sinne auch als Teile der damaligen Pfalz verstehen wollen. In diesem Gebiet wird „Pfälzisch“ gesprochen, ein Dialekt, der zusammen mit dem Hessischen sprachwissenschaftlich zur rheinfränkischen Mundart gehört. Ein geringer Teil der Auswanderer kam auch aus anderen Gebieten Südwestdeutschlands, aber die Pfälzer waren in den neuen Siedlungsgebieten meist in der Überzahl und dominierten im Zuge der Entwicklung einer gemeinsamen Sprache die anderen deutschen Volksgruppen.
Die Geschichte der Pfalz als Kulturland beginnt bereits zur Zeit der Römer, als Trier, damals Augusta Treverorum genannt, unter Kaiser Konstantin die zeitweilige Hauptstadt des Römischen Imperiums war. Der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung der Hauptstadt hat sich damals auch auf die ganze Umgebung links des Rheines ausgewirkt und wir müssen annehmen, dass schon damals aus allen Teilen des Römischen Reiches die Menschen zusammenströmten, um sich im Gebiet der Hauptstadt niederzulassen.
Mindestens seit dieser Zeit wissen wir, dass die Pfalz von einem bunten Völkergemisch bewohnt wird. Wilhelm Heinrich Riehl, Professor für Kulturgeschichte in München und Begründer der wissenschaftlichen Volkskunde im 19. Jahrhundert, hat die Völker aufgezählt, die bis heute zu diesem Gemisch beigetragen haben: „Kelten, Vangionen, Nemeter, Burgunder, Römer, Juden, Alanen, Hunnen, Alemannen, Franken, Slawen, Friesen, Franzosen, Holländer, Zigeuner usw. Seit dieser Zeit gab es viele Bezeichnungen für das Gebiet der Pfalz: „Palatium - comes palatinus - Pfalzgrafschaft bei Rhein - Pfalentz - Kurpfalz - untere Pfalz - Rheinpfalz - Departement Mont Tonnerre (Donnersberg-Bezirk) - Bayerischer Rheinkreis - und schließlich und einfach: Pfalz“[1].
Woher kommt aber der Name „Pfalz“? - Der römische Kaiser Augustus ließ sich auf dem Hügel Palatin, einem der sieben Hügel Roms, einen prunkvollen Herrschaftssitz bauen. Das Wort Palatium, auf deutsch Palast, ist seitdem allgemein der Name für eine fürstliche Wohnung und der davon abgeleitete deutsche Name Pfalz gilt seit dem Mittelalter als Bezeichnung für den Wohnsitz des Kaisers, der sogar über mehrere Pfalzen verfügte, von denen aus er abwechselnd das Reich regierte. In der Zeit der Abwesenheit des Kaisers oder Königs war die Burg einem Pfalzgrafen anvertraut. Bereits unter Kaiser Otto I. war die Pfalzgrafschaft Lothringen mit Sitz in Aachen eine der bedeutendsten ihrer Art im Reich. Im Anschluss an die Herrschaft der Ottonen, wurde 1024 Konrad II. aus dem fränkischen Geschlecht der Salier zum Nachfolger Heinrichs II. gewählt. Konrad war in Worms geboren, war Herzog in Rheinfranken, Graf im Speyergau und seine Stammburg war die Limburg bei Bad Dürkheim. Damit wurden nun die mittleren Rheinlande der Mittelpunkt des Reiches.
Im Jahre 1156 belehnte Kaiser Friedrich I. Barbarossa seinen Halbbruder Konrad von Staufen mit der Pfalzgrafschaft Lothringen unter dem neuen Namen „Pfalzgrafschaft bei Rhein“, weil deren Schwerpunkt sich inzwischen in die Gebiete am Rhein verlagert hatte. Aus dem Pfalzgrafen wurde ein „Pfalzgraf bei Rhein“ und der Name Pfalz übertrug sich auf seinen Landbesitz am Rhein. Das Land am Rhein trägt also nicht wie Bayern oder Hessen den Namen seiner Bewohner, auch nicht den Namen einer herrschaftlichen Burg wie Württemberg oder Brandenburg - es bekam wie zufällig einen Namen mit der Bedeutung eines Herrschaftssitzes. Das Wort Palatium ist bis heute der lateinische Name für das Gebiet der Pfalz und auch im Englischen wie im Französischen wird die Pfalz „Palatinate“ bzw. „Palatinat“ genannt - und so vermittelt schon der Name den Eindruck, dass es sich bei der Pfalz um ein besonders schönes und reiches Land handeln muss.
1214 kam die Pfalzgrafschaft bei Rhein durch Belehnung an
das Haus Wittelsbach, wodurch lange Zeit enge Verbindungen zu Bayern bestanden.
Pfalzgraf Ruprecht I. erwirkte im Jahre 1353 die Selbstständigkeit der Pfalz
vom Reich und kurz darauf erhielten die Pfalzgrafen bei Rhein die
Kurfürstenwürde durch Kaiser Karl IV. Die Geschichte dieser Kurpfalz mit der
Residenz Heidelberg ist nun eine lange Geschichte von Teilungen und
Eroberungen, von Erbstreit und Versöhnung. Immerhin hat Pfalzgraf Ruprecht im
Jahre
Rings um die Kurpfalz, sowie mitten darin lagen die Territorien anderer Fürsten, lagen Gebiete des Heiligen Römischen Reiches, Reichsstädte und Kirchenbesitz, wovon das Erzbistum Trier einen großen Anteil hatte. Unter Führung der Kurpfalz mit Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz wurde im Jahre 1608 eine Union der deutschen Protestanten gebildet. Die Reaktion darauf war die Bildung der katholischen Liga. Damit waren die Fronten für den kommenden Dreißigjährigen Krieg aufgestellt. Während des gesamten Dreißigjährigen Krieges war die Pfalz von Landsknechtsheeren belagert, wurde verbrannt, geplündert und an den Rand des Ruins gebracht.
In einem zeitgenössischen Bericht wird die Zerstörung einiger Orte der Pfalz um das Jahr 1635 mit ihren schlimmen Auswirkungen wie folgt beschrieben:
„In solchem Mordbrand wurde aber nicht allein die Stadt St. Wendel, sondern auch das ganze Amt samt denen grossen schönen und volkreichen Flecken und Dörfern Mettloch, Beßringen, Mertzig, Brodtorff, Bacheim, Rimlingen, Britten, Bergen, Scheyden, Waldholzbach Loßheim, Wahlen, Neunkirchen, Rissenthal, Oppen, Düppenweiler, Hassborn und anderen Orten eingeäschert, dass also das ganze Land daherum in vollem Rauch und Feuer darnieder lag; Jammer und Weheklagen war unter den Eltern und Kindern, welche die raue Winterszeit nicht so viel hatten, wo sie sich hin verbergen, die Nacht-Ruhe im Trocknen suchen und der Kälte sich erwehren konnten. Besser wäre den armen Leuten der Tod selbsten als solches bitteres Leben gewesen, indem unter ihnen kein Brot, kein Körnlein Frucht, kein Vieh, kein Geld, kein Haus, kein Credit mehr übrig ware.“ [2]
Der westfälische Frieden von 1648 brachte für die Pfalz keinen Frieden. Die Pfalz geriet an den Rand des Reiches, denn Frankreich wurde Schutzmacht mehrerer elsässischer Reichsstädte samt Landau. In den nächsten fünfzig Jahren schickte Frankreich in unregelmäßigen Abständen Truppen in die Pfalz und es gab kaum ein Dorf oder eine Stadt, die nicht verwüstet wurde.
Eine Tochter des Kurfürsten von der Pfalz, bekannt als Liselotte von der Pfalz, machte einen Fehler indem sie heiratete. Das könnte ein flotter, unschöner Spruch unserer Zeit sein, aber sie heiratete unglücklicherweise einen Bruder des Sonnenkönigs Ludwigs XIV., der aus dieser Heirat Rechte für Frankreich auf pfälzische Gebiete ableitete.
Es kam 1688 zum pfälzischen Erbfolgekrieg, in dessen Verlauf unter Anderem das schöne Heidelberger Schloss zerstört wurde und weite Teile des Landes zur Wüste gemacht wurden. Mit dem Spruch „Brûlez le Palatinat« = Brennt die Pfalz nieder“ wurden damals die Soldaten motiviert. Die Pfalz war schließlich das Gebiet in Deutschland, in dem der Dreißigjährige Krieg achtzig Jahre dauerte.
So wurde die Pfalz während des 17. Jahrhunderts durch die vielen Kriege mit Frankreich ein armes, geplagtes und in viele Fürstentümer zerrissenes Land. Die Zerrissenheit galt auch in Bezug auf die Konfession der Einwohner. Zwischen 1544 und 1685 mussten die Bewohner sieben Mal ihre Konfession wechseln. Als Folge dieser Ereignisse begann um etwa 1670 der Auswanderungsstrom der Pfälzer in alle Welt. Insgesamt war es ein Wandervorgang, der mehr als 200 Jahre gedauert hat einschließlich der lange andauernden Auswanderung nach Amerika.
In dem von dem langen Krieg entvölkerten Land haben sich immer wieder fremde Nationalitäten, wie Italiener, Franzosen, Wallonen, Flamen, Holländer, Elsässer, Ungarn, Schweizer, Tiroler und Böhmen niedergelassen, die unterschiedliche Eigenschaften und Charaktere mitbrachten. Hier gibt es einen Ansatzpunkt, etwas über den Charakter der Pfälzer zu sagen. Von dem Galiziendeutschen Ewald Schankweiler gibt es folgende Beurteilung:
„Wenn man also davon ausgeht, dass die Pfälzer zu einem im stärkeren
Maße durchmischten Volksstamm geworden sind, als andere in Deutschland, dann
könnte wohl daraus, sowie aus der Eigenschaft nicht genügend sesshaft zu sein,
geschlossen werden, dass der Hang zur Wanderung, bzw. Auswanderung bei den
Pfälzern stammesgeschichtlich verwurzelt ist und Charaktereigenschaften
hervorgebracht hat, die den Mut zu immer wieder aufkommendem Wegzug in andere
Lande förderten“. [3]
Es erscheint logisch, dass die besondere Situation der massenhaften Auswanderung aus einem begrenzten Gebiet Rückwirkungen auf die Mentalität der zurückgebliebenen Bewohner gehabt hat. In der Literatur findet man aber auch Beurteilungen mit vielen widersprüchlichen Eigenschaften. Ein solcher Beitrag, verfasst 1930 von Walter Kuhn im galizischen Bielitz, beschreibt die Pfälzer in vielen Einzelheiten:
„Der Pfälzer ist temperamentvoll, beweglich, gewandt, von leichter
Auffassungsgabe, er weiß sich schnell in fremde Verhältnisse zu schicken, damit
aber auch, sich an Fremdes anzupassen. Sein Temperament zeigt sich mit in
äußerer Regsamkeit, Schlagfertigkeit und lautem Gebaren. Er ist aufgeklärt und
stolz auf seine Aufgeklärtheit und Klugheit, die ihn drängt, alles selbst zu
beurteilen, selbst zu entscheiden und überall zu widersprechen. Demgemäß ist er
Demokrat, die Selbständigkeit seiner Persönlichkeit geht ihm über alles, aber
auch die Darstellung dieser Persönlichkeit nach außen hin. Beharrlichkeit,
Stetigkeit, bedächtiges Abwarten und Prüfen sind ihm fremd. Er urteilt schnell,
oft sprunghaft, und wagt gern aufs Ungewisse hin. Gegen Tadel und Kritik ist er
äußerst empfindlich, besonders wenn sie von Fremden kommen. Ein Volkscharakter,
dem bei aller Regsamkeit und Klugheit doch eine gewisse Tiefe fehlt." [4]
Nach der Meinung von Kuhn gilt dieses Bild auch für die Pfälzer Galiziens seiner Zeit um 1930. Eine solch differenzierte Beurteilung bewirkt allerdings, dass jeder wie in einem Horoskop nur die für ihn zutreffenden, beziehungsweise angenehmen Werte akzeptieren wird. Die Eigenschaften jeder Persönlichkeit sind aber so unterschiedlich und die Einflüsse aus so vielen Völkerschaften so verschiedenartig, dass wohl jeder Mensch außer einigen anerkannten Eigenschaften des typischen Pfälzers oder Galiziendeutschen auch unverwechselbare eigene Eigenschaften für sich beanspruchen darf.
Als typische, anerkannte Eigenschaften eines Galiziendeutschen sollte man vielleicht die Eigenschaften gelten lassen, die sich über lange Zeit aus dem bescheidenen, arbeitsreichen Leben in Galizien ergeben haben. Diese Eigenschaften haben sich auch im 20. Jahrhundert bei dem zweifachen Neuanfang nach Umsiedlung und Flucht als lebensnotwendig erwiesen. Mit Bescheidenheit, Fleiß und Strebsamkeit haben die Galiziendeutschen zum wiederholten Male ihren Platz im Leben gefunden und das gilt auch für die Auswanderer vor 200 Jahren, die an verschiedenen Zielpunkten in Ost und West sich auf ganz unterschiedliche Bedingungen einstellen mussten.
Ein besonders harter Winter in der Pfalz im Jahre 1709 war der Anlass für die erste größere Auswanderungswelle: Damals wanderten etwa 32.000 Menschen in die englischen Kolonien Nordamerikas, auch bekannt als Neuenglandstaaten, aus. Insgesamt haben zwischen 1670 und 1789 etwa 100.000 Pfälzer die große Reise über das Meer gewagt.[5] Während aber die meisten nach Nordamerika ausgewanderten Pfälzer nach wenigen Generationen ihre deutsche Sprache und Kultur aufgegeben hatten, hielten die nach Osteuropa ausgewanderten Deutschen zum größten Teil an der Sprache und Kultur fest, die sich bald aus dem Gemisch der Siedler herausgebildet hatte.
Die drei wichtigsten Auswanderungsströme aus der Pfalz in Richtung Osten fanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts statt:
1763 - 1790 zogen Pfälzer und Schwaben entlang der Donau in die von den Türken verwüsteten Landstriche Ungarns und siedelten in der Batschka und im Banat. Seitdem werden in ganz Osteuropa die deutschen Siedler „Schwabki“ (Schwaben) genannt. 1939 lebten allein im Banat, im Gebiet um Temeschvar 450.000 Deutsche. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bzw. nach dem Fall des Eisernen Vorhanges sind infolge von Vertreibung und Auswanderung in Ungarn und Rumänien nur noch Reste dieser Volksgruppe vorhanden.
1773 – 1774 rief die russische Zarin Katharina II., die selbst in Deutschland geboren wurde, deutsche Siedler nach Russland und siedelte sie an der unteren Wolga im Gebiet von Saratow an. Bis 1914 waren die Wolgadeutschen auf etwa 700.000 Menschen angewachsen. Nach ihrem schweren Schicksal während der Stalinzeit finden die Reporter des deutschen Fernsehens in den Weiten Sibiriens auch heute noch Reste dieser Volksgruppe, die einen dem Pfälzischen ähnlichen Dialekt sprechen.
1781 - 1785 gab es
schließlich eine größere Auswanderungswelle nach Galizien, ausgelöst durch die
Teilung Polens 1772. Nachdem zunächst Kaiserin Maria Theresia durch die
Ansiedlung von Handwerkern die Wirtschaft des Kronlandes Galizien voranbringen
wollte, wurde mit dem Ansiedlungspatent ihres Sohnes, des Kaisers Joseph II.
vom 17. September 1781 die Ansiedlung von Bauern aus Südwestdeutschland
planmäßig betrieben. Etwa 18.000 Einwanderer wurden nach
Auch später gab es Auswanderungswellen aus der Pfalz Richtung Osten, wie z.B. von 1793 bis 1805 nach Kongresspolen oder von 1800 bis 1810 nach Südrussland.
Aber wie viele Menschen die Pfalz auch in die Gebiete Osteuropas gesendet hat, sie bleiben immer nur ein Bruchteil der Auswandererscharen, die ständig nach Nordamerika strömten. In Pennsylvania, einem Bundesstaat im Nordosten der USA, sind die Pfälzer als Auswanderergruppe seit dem 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart nachweisbar. Pennsylvaniadeutsche bildeten einst die Leibwache des ersten Präsidenten der USA, George Washington und ein Johann Adam Hartmann aus Edenkoben in der Pfalz diente als Vorbild für die Romanfigur Lederstrumpf (Auch in Ottenhausen/Galizien siedelte ein Adam Hartmann).
Zusammen mit ihrer religiös bedingten konservativen Lebensart haben die Pennsylvaniadeutschen lange Zeit auch ihre Sprache bewahrt. Aber heute wird das Pennsylvaniadeutsch, eine Mundart der Vorderpfalz, von der jüngsten Generation der Nachkommen kaum noch gesprochen.
In manchen Großstädten der USA, wie z.B. in Cincinnati, Ohio, gibt es pfälzische Vereine, ebenso wie die besser bekannten bayrischen Vereine. Diese ehemals von Deutschen geprägten Vereine haben heute allerdings nur noch englisch sprechende Mitglieder. [6]
Aus keinem Land der Welt sind dem Verhältnis nach mehr Menschen ausgewandert als aus der Pfalz. Eine Studie aus dem Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde Kaiserslautern versucht am Beispiel der Auswanderung nach Amerika diese Besonderheit zu erklären:
„Die ältere Forschung hat - zumeist unter dem Eindruck propagandistischer Schriften aus Sektiererkreisen - vor allem „religiöse Verfolgung" und die „Raubkriege Ludwigs XIV.", aber auch Missernten und Naturkatastrophen und den Einfluss geschickter Werbung … für die Entstehung und das Ausmaß der pfälzischen Auswanderung verantwortlich gemacht“.
Aber es muss noch mehr Gründe dafür geben, dass kaum eine andere historische Landschaft in ihrer neuzeitlichen Bevölkerungsgeschichte vergleichbar große Zu- und Abwanderungen aufzuweisen hat wie die Pfalz.
„Dieses Gebiet war nicht nur in 44 selbständige Territorien
zersplittert, es war seit der Reformation in weiten Teilen wiederholten
Konfessionswechseln unterworfen und es war durch Aufnahme von
Glaubensflüchtlingen aus den Niederlanden, der Schweiz und Frankreich schon in
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erneut zu einem Schmelztiegel der
Völker geworden.
Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) hatte die Pfalz annähernd 70% seiner Bevölkerung eingebüßt. Infolgedessen veränderte sich der Anteil der Kulturfläche im Verhältnis zu Wald bzw. Ödland von 60% im Jahre 1618 auf nur noch 11% im Jahre 1656. Diese besonders stark entvölkerten Gebiete links und rechts des Rheins versuchte Kurfürst Karl Ludwig (1649-1680) durch eine tolerante Bevölkerungspolitik neu zu bevölkern. Die Zuwanderung französischer Hugenotten, Waldenser, Mennoniten, Niederländer, Schweizer, Wallonen und Tiroler sowie die Ansiedlung abgedankter Söldner führte dem Land jedoch nicht nur die erwünschten Arbeitskräfte und künftigen Steuerzahler zu, sondern warf gleichzeitig in Stadt und Land neue konfessionelle, wirtschaftliche und soziale Probleme auf“. [7]
So merkwürdig es auch klingen mag: Die starke Einwanderung in den pfälzischen Raum nach dem Dreißigjährigen Krieg war zugleich eine der Hauptursachen für die praktisch zwei Jahrzehnte später einsetzende Auswanderung. Als erste schnürten nämlich enttäuschte und verängstigte Neusiedler ihr Bündel, als Handel und Gewerbe durch die vielen Grenzlinien entscheidend beeinträchtigt blieben und jede Missernte, Unwetterkatastrophe oder Rheinüberschwemmung für die davon betroffene Region eine kaum mehr tragbare Einschränkung der Lebensqualität mit sich brachte.
Als dann der französische König über die Kurpfalz herfiel und dort die Hugenotten rekatholisiert werden sollten, folgten diese dem Ruf des Kurfürsten von Brandenburg nach Mitteldeutschland. So kamen zwischen 1685 und 1693 viele reformierte Hugenotten, Pfälzer und Schweizer nach Berlin und Potsdam, aber auch nach Halle an der Saale. Noch heute gibt es in Halle eine Pfälzer Straße und seit 1688 bis zum heutigen Tag feiert die reformierte Gemeinde im so genannten Dom in Halle ihren Gottesdienst, weil diese Kirche einst den Pfälzern zugewiesen wurde. Als im Jahre 1702, der junge Komponist Georg Friedrich Händel für ein Jahr Organist am Dom zu Halle war, hat er von seiner Gemeinde vielleicht sogar einige Worte Pfälzisch gelernt.
Pfälzisch wird in Halle heute nicht mehr gesprochen aber es gibt in neuerer Zeit den Begriff Buna-Pälzer. So nannte man eine Zeit lang die Beschäftigten der Chemischen Werke Buna bei Halle, wo seit 1936 synthetischer Kautschuk hergestellt wurde. An der Errichtung dieses Werkes waren maßgeblich Pfälzer aus der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen beteiligt, die sich selber in ihrer Mundart Pälzer nannten. Seitdem galt der Begriff Buna-Pälzer als Bezeichnung für einen Chemiearbeiter, der unter den schwierigen Bedingungen der Carbidproduktion hart arbeiten musste, was womöglich auf die vorbildliche Arbeitsleistung der aus der Pfalz stammenden Arbeiter hinweist - und diese Deutung passt natürlich zum Charakterbild der Pfälzer.
Außer den umweltbedingten Ursachen für die Auswanderung aus der Pfalz gab es natürlich auch unterschiedliche persönliche Gründe, wie es sich am Beispiel der so genannten Josephinischen Kolonisation Galiziens am Besten zeigen lässt.
Die Bauern in Europa am Ende es 18. Jahrhunderts waren
keineswegs freie Menschen. Sie waren in der Regel Untertanen eines Landesherrn
und mussten die landwirtschaftlichen Erträge mit ihm teilen, welche aber durch
Erbteilung immer kleiner wurden. Dennoch konnten in den vielen kinderreichen
Familien nicht alle Nachkommen das Erbe der Eltern antreten. Für diese
Menschen, die sich sowieso nach einer neuen Existenzgrundlage umschauen
mussten, waren die Werbeschriften, die nach
„ …..Vermöge dieses Patentes wird nun einem jeden Colonisten vordersamst freie Religions-Uebung zugesichert; sodann ein eigen Haus, Stallung, Scheune, samt allen AckerbauGerätschaften, auch 40 Morgen Landes, der Morgen zu 150 Ruten und dann auch 10 Morgen Holz und Wiesen als erb und eigen, ganz unentgeltlich, nebst 10-jähriger Freiheit von Abgaben versprochen.... und zuletzt das Patent besagt, daß diese Gegend gute und reichliche Früchte trage, große Viehzucht daselbst sey und überhaupt dies Land viele vorteilhafte Erzeugnisse brächte und besonders sehr wohlfeil daselbst zu leben wäre….“ [8]
In einer anderen Werbeschrift wurde auf die besonders für Bauern günstigen Ansiedlungsbedingungen sowie auf „die große Billigkeit in Galizien" hingewiesen und mit Beispielen belegt. Danach kostete ein Pfund Rindfleisch 2 bis 2 ½ Kreuzer (zum Vergleich - in der Pfalz 12 Kreuzer), ein Huhn 6 Kreuzer (in der Pfalz 12 Kreuzer) u.s.w. Dass dieses niedrige Preisniveau auch für den Bauern beim Verkauf seiner landwirtschaftlichen Erzeugnisse gelten musste, wurde wahrscheinlich gar nicht bedacht. Es gibt eine Schilderung eines Augenzeugen, der selbst auch nach dem Osten gezogen ist, über die Wirkung der Werbeschriften:
„Keine Stadt, Marktfleck oder Dorf war, wo nicht gedruckte Exemplare zirkulierten. Die Gnade Josephs war so hoch aufgenommen, daß die ganze Gegend auswandern zu wollen schien. Es brachen so viele, mitunter auch recht wohlhabende Familien, zur Auswanderung auf, daß die Straßen völlig bedeckt wurden und es das Aussehen bekam, als wollten alle Menschen die Gegend verlassen". [9]
Wie gründlich die Siedler auf die Auswanderung nach Galizien vorbereitet wurden, zeigt eine Schrift, die in 23 Kapiteln die Bedingungen und Abläufe der Auswanderung darstellt. Einen Eindruck davon sollen nur drei dieser Kapitel einschließlich der Überschrift geben:
„Belehrung ueber die Vortheile
und Bedingnisse, die für die Ansiedlung der aus dem
römischen Reiche in die Kais. Königl. Erblande
einwandernden Emigranten für das Jahr 1785 bestimmt sind.
1. Um eine Grundpossession (Landeigentum) zu
erhalten, muß ein jeglicher Ansiedler verheyrathet seyn.
2. Alle diejenigen, die sich der nachstehenden Begünstigungen theilhaftig zu machen wünschen, haben sich bey einem der nachbenannten drey Ansiedlungs-Commissarien,
als bey dem Kais. Königl.
Gesandten Herrn Grafen von Metternich zu Coblenz,
oder bey dem Kais. Königl.
Residenten Herrn von Röthlein zu Frankfurt am Mayn,
oder bey dem Kais. Königl. Hofrathe von Blanck zu Rothenburg
am Neckar um ihre Annahme, und allenfalls nöthige
nähere Belehrung in den Ansiedlungsvortheilen, und diesfälligen Erfordernissen um so gewisser anzumelden, als
sie ohne Erfüllung der festgesetzten Bedingnissen von
keinem dieser Herren Commissarien werden angenommen
werden, und ihrer Unvorsichtigkeit allen Schaden werden zuzuschreiben haben,
der ihnen bey einer voreiligen Verlassung ihres
bisherigen Domicilii begegnen kann.
4. Um von einem dieser zu dem Ansiedlungsgeschäft bevollmächtigten Kaiserl. Herren Commissarien
aufgenommen zu werden, hat jeder Ansiedlungsbewerber beyzubringen:
ERSTLICH einen Losschein, oder Paß von seiner
(ihrer) Landesherrschaft, oder Regierung, oder Beamten, massen
derlei nur von Schultheiß und Gerichten oder von Notarien ausgestellte Scheine
und Pässe nicht angenommen werden; sodann
ZWEITENS ein beglaubtes Zeugniß von der Ortsobrigkeit, über seine bisherige gute Aufführung, und sonderheitlich, daß er den Ackerbau, oder, sofern er ein Negoziant (Händler), Fabrikant, Künstler, Professionist oder Handwerker ist, seine Profession und Handtierung getrieben, und wohl verstehe“. [10]
Die in Gang gekommene intensive Wanderbewegung, mit der die österreichische Regierung eigentlich gar nicht gerechnet hatte, verursachte bald Gegenmaßnahmen der Regierungen des pfälzischen Territoriums.
Während die um Auswanderung Ersuchenden mühsame Wege zu bewältigen hatten, um in den Besitz einer Auswanderungserlaubnis zu kommen, die mit diversen Gebühren, wie Loskauf von Leibeigenschaft, Vermögens- und Nachsteuer, verbunden waren, wurden von den Behörden Verfügungen, Edikte und Verbote mit entsprechenden Androhungen erlassen, um eine Auswanderung entweder zu verhindern oder wenigstens zu erschweren.
Ein Dokument aus dem staatlichen Archiv in Lemberg, das die Bestrafung der Untertanen regeln sollte, die ohne Erlaubnis des Landesherren auswandern wollten, macht die Bedrückung deutlich, denen die Menschen augesetzt waren. Es lautet ausschnittsweise:
„Bestrafung der ohne landesherrlichen Vorwissen auswandernden Churpfälzischen Leibesangehörigen, auch freien Unterthanen. Wir, Karl Theodor von Gottes Gnaden Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Ober- und Niederbayern, des Heiligen Römischen Reiches Erztruchseß und Kuhrfürst, zu Gülich, Cleve und Berg Herzog fügen hiermit zu wissen: Schon im Jahr 1764, und den darauf folgenden Zeiten, sind jene vielfältigen Verbote dann Bestrafungen bekannt gemacht worden, welche die Leibeigene, auch freie Landes-Unterthanen zu befahren haben, so sich ohne vorherige Erlaubnis von Kuhrfürstlicher Regierung, in die Lande auser dem Teutschen Reich sowol, als die entfernte Gegenden dieses Reichs begeben, und sich daselbst niederlassen. Gleichwolen haben sich viele Einwohnere erfrechet, willkürlich darwider zu handlen, andere haben die Unwissenheit des Gesatzes und sonstige Entschuldigungen vorgeschützet…“ [11]
Die betonte Strenge des Gesetzes war für freiheitsliebende Untertanen wohl eher ein Grund davonzulaufen als im Land zu bleiben. Das Dokument erklärt damit unfreiwillig einen der Beweggründe für die Auswanderung.
Zusätzlich zu der Strafandrohung wurden auch Schriften verbreitet, die die Zustände in Galizien besonders negativ darstellten, wie das folgende Beispiel ausschnittsweise zeigen soll:
„Ich will euch nun das Land beschreiben, dem ihr so begierig zueilet,
und euch euren dortigen Zustand vorlegen. — Ihr werdet meistens in die Gegend
um Lemberg vertheilet, dort findet ihr ein ödes
unbebautes Land, keine Wohnungen, nicht, gar nichts. Ihr bauet euch nun an.
Wenn ihr auch gleich von Anfang mit Gelde und Nahrung unterstützet werdet, so
reicht dieß doch lange nicht hin, ihr setzet euer bischen mitgebrachtes Geld zu, und versäumet eine gute
Weile, bis ihr nur im Stande seyd, euch an euer Feld
zu machen. Und was habt ihr hier nicht für unzählige Mühe? Denket euch eine rauhe Erde, die noch nie angebauet
worden ist, bis ihr diese nur erst herummachet, und zum Bauen zubereitet, wie
viel Zeit und Arbeit kostet es nicht? Und was fanget ihr unterdessen mit Frau
und Kindern an, um euch durchzubringen? Wenn ihr auch nun nach so vielen Jahren
euer Feld in gutem Stande habt, so könnet ihr kaum etwas von euren Früchten,
selbst in Lemberg nicht, und nur um einen Spottpreis absetzen: Aufzehren könnt
ihr sie wohl selbst, aber das ist ein schlechter Trost für den Ackersmann; Wie
wollt ihr euch denn eure übrigen Notwendigkeiten, eure Kleidung usw.
anschaffen? — Auch sehen sich die Leute in dem Lande gezwungen, des Winters
statt aller Kleidung ein Schafsfell umzuhängen, das sie selbst auf einer Seite
gerben; des Sommers tragen sie einen leinenen Kittel, den sie sich und ihre
Weiber von ihrem Hanf spinnen. Das ist das so hoch erhobene Glück dieser Leute!
— Dabey ist die Luft, wo sie wohnen, ungesund, und
das Wasser, das sie trinken, Gift, denn es läuft über Kupferadern her: Auch
sterben die Leute, besonders die Ausländer, wie Mücken hinweg…. - Ueberleget noch darneben, was ihr von euren Gütern
abzugeben haben werdet, wenn sie nur einmal etwas ertragen. Bedenket, welchem
harten Soldatenstand eure Kinder ausgesetzt seyn
werden. Dort heißt es nicht auf 4 oder 6 Jahre gedienet.
Wie der Mann das Gewehr tragen kann, muß er zur Armee,
und kommt nicht los, bis er seine fünfzig hat.
Ist es das, was ihr suchet?, O gewiß nicht!“ [12]
Aus diesem Text, wie auch aus den anderen Originaltexten dieses Beitrags können wir ein wenig die Wirkung erspüren, die diese Schriften auf unsere Vorfahren ausüben mussten. Nach so vielen widersprüchlichen Eindrücken, denen die Auswanderer vor ihrer Abreise ausgesetzt waren, ist es umso erstaunlicher, mit welchem Mut sie die weite Reise nach Galizien riskierten.
Der Weg von der Pfalz nach Galizien ist etwa
Von Ulm aus und vom benachbarten Günzburg aus, das damals zu
Österreich gehörte, fuhr man auf der Donau in den so genannten Ulmer Schachteln
bis nach Wien. Die Ulmer Schachteln waren ganz billig hergestellte Boote, die
nur in einer Richtung donauabwärts fuhren, denn sie wurden am Ende Ihrer Reise
als Brennholz verkauft. Die Besonderheiten der Reise auf der Donau nach Wien
sind durch die Landsmannschaft der Donauschwaben in einem Museum in Ulm
ausführlich dokumentiert worden. Wenig später als die Donauschwaben fuhren auch
die Auswanderer mit dem Ziel Galizien die
Seit 1712 fuhr jede Woche mindestens ein Schiff von Ulm nach Wien. Diese regelmäßig fahrenden Schiffe nannte man Ordinari-Schiffe. In dieser Zeit fuhren viele Auswanderer donauabwärts in das von den Türken befreite Ungarn. Die Bequemlichkeit auf den Schiffen war natürlich nicht zu vergleichen mit den Kreuzfahrtschiffen, wie sie heute auf der Donau fahren. Das kann uns der Bericht eines Zeitzeugen bestätigen:
„Mitten auf den Ordinarischiffen steht ein
kleines Haus, das von Brettern zusammengeschlagen und mit Brettern bedeckt ist.
Dieses kleine Haus besteht ordentlicher Weise aus zwey
Zimmern. In das Vordere kommen die Reysenden, so von einiger Distinction (Vornehmheit) sind. Es hat im Winter genemiglich einen kleinen Ofen, der von außen angeheizt
wird. Auf jeglicher Seite des Zimmers ist ein kleines Fenstergen,
wodurch man hinaus sehen kann. Zum Sitzen werden allenthalben Bretter
umhergelegt. Unter diesen Bänken liegt die Bagage der Personen, die darin sind.
Eben diese Bänke dienen den Schiffsleuten bey Tag zum
Tisch, worauf sie essen, was sie in dem kleinen Ofen gekocht haben, und bey Nacht zum Schlafen. In den hinteren Zimmern ist das
gemeine Volk. Es hat aber weder Ofen noch Fenster noch viele Bänke, sondern die
meisten, die darinnen sind, sitzen oder liegen auf den Kisten und Packen herum,
so die Schiffsleute hineinlegen“. [13]
In Wien angekommen, erhielten die Auswanderer eine weitere Geldzahlung als so genannte „Reißzehrung“ (Reisezehrung), und sie wurden bei dieser Gelegenheit in Listen erfasst, die als Consignationsakten noch heute im Hofkammerarchiv in Wien liegen. Aufgeschrieben wurden in der Regel der Name des Familienoberhauptes und die Anzahl der mitreisenden Personen. In den meisten Fällen wurde auch der Herkunftsort der Reisenden vermerkt. Heute sind diese Listen eine wichtige Quelle für die Familienforschung.
Von Wien aus ging die Reise auf dem Landwege weiter. Man zog mit Pferdewagen in größeren Gruppen über Brünn, Olmütz, Mährisch-Neustadt, Bielsko-Biala bis nach Krakau und von dort weiter in die Bestimmungsorte. Gereist wurde nur in den Sommermonaten und es muss dabei so ähnlich zugegangen sein wie bei den Siedlertrecks im Nordamerika des 19. Jahrhunderts, welche uns in den Wildwestfilmen mehr oder weniger realistisch gezeigt werden.
Aus den Ansiedlungslisten der österreichischen Behörden geht hervor, dass allein in den Jahren 1782 bis 1785 unerwartet viele Menschen nach Galizien kamen. Gezählt wurden 3.216 Familien mit 14.669 Personen, aber in Wirklichkeit waren es noch mehr. Die Einrichtung der Höfe für die Ansiedler konnte mit diesem Ansturm nicht Schritt halten, so dass ab 1785 die Zahl der Aussiedler beschränkt wurde. Die Ansiedlung der in Lagern wartenden Menschen dauerte bis 1789 und länger. Aber schon 1790 starb Kaiser Josef II. und damit endete die so genannte josephinische Kolonisation Galiziens.
In der Regel sollten die Ansiedler außer dem Ackerland auch fertig eingerichtete Höfe mit einer Grundausstattung von landwirtschaftlichem Gerät und Vieh erhalten. Die Einrichtung einer Ansiedlungsstelle für einen deutschen Kolonisten kostete damals rund 450 Gulden, was viel Geld war. Da aber die österreichische Verwaltung sich erst im Aufbau befand, gab es bei der Durchführung der Pläne für die Ansiedlung viele Probleme.
Es sind uns viele Zeugnisse überliefert, mit welch großen Schwierigkeiten die Ansiedler in den ersten Jahren des Aufbaus zu kämpfen hatten. Andere Bodenqualitäten und ein anderes Klima erforderten teilweise die Umstellung auf neue Feldfrüchte. Jetzt erst zeigte es sich, dass nicht alle Ansiedler die notwendigen Vorraussetzungen für die harte Pionierarbeit mitbrachten, ja offenbar hatten nicht einmal alle Siedler Kenntnisse von der Landwirtschaft. Andererseits wird berichtet, dass Ansiedler, die aus Deutschland einen größeren Geldbetrag mitgebracht hatten, in Galizien mehr Land zugeteilt bekamen und damit bessere Startbedingungen hatten. Wahrscheinlich kamen sie in der Hoffnung nach Galizien, noch schneller als in Deutschland reich zu werden.
Manche Ansiedler scheiterten bei dem Versuch, in Galizien sesshaft zu werden und zogen weiter nach Ungarn oder Russland. Aber auch jene, die erfolgreich waren brauchten lange Zeit, um mit ihrer Familie in halbwegs geordneten Verhältnissen zu leben. Dennoch ist anzunehmen, dass schon die erste Generation der in Galizien geborenen Kinder eine funktionierende Dorfgemeinschaft bildete. Das kann man auch daran ermessen, dass bereits in den ersten Jahrzehnten nach der Ansiedlung Kirchen und Schulen in Gemeinschaftsarbeit entstanden. Kirche und Schule haben auch später eine wichtige Rolle bei der Festigung der Dorfgemeinschaft gespielt mit dem Ergebnis, dass die Ansiedler aus der Pfalz schließlich Galizien als ihre Heimat betrachteten.
Über die Situation der Siedler in Galizien kurz nach der Ansiedlung soll zum Abschluss noch ein Zeitzeuge berichten, der aus eigener Erfahrung die positiven Seiten seiner Auswanderung betont, mit dem Zweck, auch seine Verwandten zur Auswanderung zu bewegen.
Vielleicht kann man aus diesem Brief sogar das typische
Schicksal eines Ansiedlers in Galizien ablesen. Der Zimmermann Lorenz Gabel aus
Zamość schrieb im März 1785 an seine in Südwestdeutschland gebliebenen
Verwandten:
„Gelobt sei Jesus Christus ! Ich grüße euch tausendmal, liebe Schwester
und Schwager! Euren Brief habe ich erhalten, aber nicht bei guter Gesundheit.
Ich bin zwei Monat krank gelegen, …. Nun bin ich Gott Lob wieder frisch und
gesund, nun will ich Euch schreiben was ein Bauer bekommt: 40 Morgen Acker, 10
Morgen Wiesen, ein Haus, zwei Pferde, zwei Kühe, ein Rind, ein Schwein, die
Schar in das Feld, eine Eisenegge, ein holzerne Egge,
ein beschlagen Wagen. Das Haus und Gut ist frei, ohnentgeltlich,
was das Vieh ist, das müssen sie bezahlen nach den sechs Jahren. Und ist lauter
angebauert Feld, und müssen jährlich davon bezahlen
16 fl. (Gulden), das Jahr acht Tage fronen, und dann bekommen sie den Tag zehn
Kreuzer, wann sie fronen. Nun seht, daß ein Bauer
hier gut leben kann. Liebe Schwester und
Schwager, wenn Ihr Willen seid, bei mich zu kommen, so müßt
Ihr nach Mainz gehen bei den kaiserlichen Abgesandten und müßt
fragen, ob noch Leut angenommen werden. Als dann
verkauft Euer Sach auf Zeit und Ziel, das Geld müssen
sie Euch schicken nach Polen und tut es nicht halb wegschenken….
So nehmt Euch noch einen guten Kameraden, kauft Euch ein Pferd und
Karren, und macht weiter keinen großen Anhang und fahret bis nach Regensburg.
Ist es gut Wetter, so fahret auf der Donau, ist es aber kein gut Wetter,
alsdann fahret bis nach Wien über Land. Auf Wien müßt
Ihr den Wiener Paß haben. So fragt nach der
böhmischen Kanzlei und sie werden Euch wollen nach Hungern (Ungarn) schicken,
aber dann saget, ihr hättet Geld, ihr wollt nach Polen, Ihr hättet Freunde in
Polen, sie hätten Euch geschrieben. Und wann Ihr nach Biala
kommt, das ist die erste polnische Stadt, da bekommt Ihr Euer letztes Reisegeld
und bekommt auch wieder einen frischen Paß. So werdet
Ihr gefragt, wo Ihr hinwollt, alsdann sagt, Ihr wollt in das Kreisamt Zamosge (Zamość) da
hättet Ihr Freund. Und wenn ihr nach Ihreslau (Jaroslau) kommt, das ist ein Städtel,
so müsst ihr auf der Straßen links, so habt ihr noch zwei Tage Reis! …
Schwester und Schwager macht, daß Ihr bei guter Zeit des Frühjahrs nach Polen kommt. Es werden viele Häuser gebaut, einhundert Häuser, einhundert Scheunen, einhundert Stallungen, da könnt Ihr ein schönes an Geld verdienen, weil Ihr ein bißchen gewerken könnt bei den Zimmerleuten. Was Ihr mir mitbringet, was ich Euch geschrieben, was es Pacht kost und Einkauf, des will ich herzlich gern bezahlen.
Nun liebe Schwester
und Schwager, wenn Ihr kommen wollt, so kommt ….
… Und nun befehle ich euch in den Schutz des Allerhöchsten, bin und
bleibe Dein getreuer Bruder. So geschehen Zamoske,
den 7. März 1785.
Laurentius Gabel, Baumeister in Zamoske“.[14]
Bei soviel Werbung für das Auswandererland Galizien sollte man meinen, dass unsere Vorfahren nicht das schlechteste Los gezogen haben in jener unsicheren Zeit am Ende des 18. Jahrhunderts. Der Brief des Lorenz Gabel beweist, dass es nach der Zeit der gelenkten Auswanderung nach Galizien auch noch eine Periode gab, die man heute als Familienzusammenführung bezeichnen würde. Das mag der Grund sein, warum manche der Auswanderer nicht in den Akten des Hofkammerarchivs genannt werden, weil sie nämlich als Privatreisende mit einem bestimmten Ziel zu ihren Verwandten gefahren sind.
Der entscheidende Anreiz für den radikalen Neuanfang in einem fernen Land war im 18. Jahrhundert sicher die Aussicht auf ein Leben als freier Bauer ohne die Fesseln der Leibeigenschaft. Die Auswanderer nach Galizien machten schon damals die Erfahrung, die wir in Deutschland im Jahre 1989 so eindringlich und dankbar erlebten, nämlich, welch hohes Gut die Freiheit für den Menschen bedeutet. Wenn wir uns noch einmal in den Geist der Zeiten versetzen wollen, dann können wir davon ausgehen, dass auch in der Pfalz zur Zeit der Auswanderung, das heißt fünf Jahre vor der Französischen Revolution von 1789, bereits über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit diskutiert wurde.
Zum Glück erlebten die nach Galizien ausgewanderten Pfälzer nicht mehr die Probleme, die infolge der Französischen Revolution und der Eroberungen Napoleons in der Pfalz auftraten. Aber sie erlebten auch nicht, oder nur von weitem, die wichtigen Entwicklungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, die unsere Kultur heute noch bestimmen. Als Beispiel soll nur die Wirkung genannt werden, die von Goethe und Schiller ausgegangen ist. Dieses Defizit wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die so genannten Wanderlehrer teilweise wieder ausgeglichen, die der staatlich gelenkten Polonisierung der Deutschen in Galizien durch die Vermittlung deutschen Kulturgutes entgegenwirken wollten.
Als dann in der sechsten Generation nach der Ansiedlung im Jahre 1940 für die Deutschen die Zeit in Galizien zu Ende ging, waren die Mühen früherer Generationen vergessen. Als Erinnerung blieb zurück, dass Galizien eine wirkliche Heimat für die deutschen Bewohner geworden war.
[1] Peter Mayer:
Die Pfalz, Wanderungen im Garten Deutschlands, DuMont Buchverlag Köln 1978
[2] Ausführliche Beschreibung des Saarstromes. Franckfurt
und Leipzig 1690, zitiert in Reget: Die Einwohner von Brotdorf, Bachem und
Hausbach vor 1890 (Ortsfamilienbuch), Merchingen/Saar
2003
[3] Ewald Schankweiler: Wirtschaftliche und soziale Gründe
für die Auswanderung der Deutschen aus der
Pfalz Ende des 18. Jahrhunderts, „Das heilige Band“ – Zeitschrift der
Galiziendeutschen Sept. 1997
[4] Walter Kuhn: Die Jungen deutschen Sprachinseln in
Galizien, Bielitz 1930, Neudruck 1990
Scherer Verlag Berlin
[5] Roland Paul; Karl Scherer: Pfälzer in Amerika,
Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde Kaiserslautern, 1995
[6] Wolfgang Kleinschmidt: Pfälzische Migration unter volkskundlichen
Aspekten, aus: Pfälzer-Palatines, Beiträge zur
pfälzischen Ein- und Auswanderung… - Herausgeber Karl Scherer, Kaiserslautern
1981
[7] Roland Paul; Karl Scherer: „Pfälzer in
Amerika", Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern,
1995
[8] Staats-Anzeigen,
Göttingen 1783, Nachdruck: Zeitweiser der Galiziendeutschen
2005, S. 223
[9] Ostgalizien - Die deutsche Minderheit bis zur
Umsiedlung 1939/40, Geschichts- und Begleitbuch für Reisen in die westliche Ukraine,
Herausgeber: Erich Müller und Ewald J. Schankweiler, Stuttgart 1996
[10] Wagner, Rudolf: „Vier Urkunden aus der Auswanderungs-
und Ansiedlungszeit der
Galiziendeutschen“ Zeitweiser der Galiziendeutschen 1979, S. 108 – 119
[11] Müller, Erich: Auswertung von Dokumenten aus dem
zentralen staatlichen Archiv der Ukraine in Lviv, April 2010.
[12] Wagner, Rudolf: „Urkunden aus der Zeit der
Galiziendeutschen“ Zeitweiser der Galiziendeutschen 1979
[13] Gebauer, Werner: „Von Ulm auf der Schachtel die Donau hinunter
- Der lange Weg der Donauschwaben in die neuen Siedlungsgebiete in Osteuropa“,
Herausgeber: Universität Ulm, 15. Auflage Juli 2007.
[14] Deutsche Monatshefte in Polen: „Die Mennoniten in
Kleinpolen“, zitiert in: Edeltraud Kraus, „Schicksale der Auswandererfamilie
Kraus 1784 bis 1963“, schriftliche Hausarbeit an der Pädagogischen Hochschule
Kaiserslautern 1964